Man muss das Unmögliche versuchen um
das Mögliche zu erreichen. Hermann Hesse
Berlin Marienfelde - Stolperstein
Erster Stolperstein
in Marienfelde gesetzt
Am 12. Mai 2011 wurde in Marienfelde vor dem Haus Emilienstraße 14 der erste sog. Stolperstein gesetzt. Mit diesen Gedenktafeln im Gehwegpflaster soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Stolpersteine werden in der Regel vor dem letzten Wohnort gesetzt.
Zur Verlegung des Stolpersteins für Ernst Löwe, geboren 1870 und ermordet 1942 in Treblinka, hier die Worte von Herrn Emil Cauer mit dessen freundlicher Genehmigung:
Liebe Marienfelder Mitbürger,
über dieses Pflaster bin ich gewiss mehr als tausend Mal gegangen. Ich wohnte dort hinten in der Emilienstraße 22, hier bin ich vorbei gekommen, wenn ich zur Schule wollte, wenn ich mit der S-Bahn in die Stadt fahren wollte, oder wenn ich Freunde besuchte.
Schemenhaft erinnere ich mich an den alten Mann mit dem Stern, Ernst Löwe. Gesprochen habe ich mit ihm nie. Meine Mutter hat mir gesagt, Ernst Löwe hätte am S-Bahnhof Börse, jetzt Hackescher Markt, ein Spielwarengeschäft gehabt. Also Bausteine, Puppen, Brummtriesel, vielleicht auch aufziehbare Autos und Eisenbahnen. Und glückliche Kinder. Das Geschäft scheint gut gelaufen zu sein; denn irgendwann konnte sich Ernst Löwe mit seiner Frau dieses einst schöne Haus leisten. Den Laden hat man ihm wahrscheinlich weggenommen, „arisiert“ hieß das 1938.
Vorbei gegangen bin ich hier zur Schule. Marienfelder Allee Ecke Hranitzkystraße war die Bushaltestelle. Meine Schule war, wie wir damals sagten, im Dorf, drei Haltestellen weit. Wenn ich morgens auf den Bus wartete, konnte ich mir einen Schaukasten ansehen. „Der Stürmer“ lautete die Überschrift. Unten stand: „Die Juden sind unser Unglück.“ Dazwischen eine Zeitung, die schlimme, für mich unglaubwürdige Geschichten über Juden verbreitete.
In der Schule, dritte Klasse, war ich ein Außenseiter. Einmal bildete sich in einer Pause auf dem Hof ein großer Kreis von Jungen und Mädchen um mich. Sie johlten und grölten, machten Witze über mich. Erst unser Klassenlehrer, der hinzukam, klärte auf, was los war. Auf meinem Rücken war ein Judenstern. Das bemalte Blatt Papier hatten mir Jungen während der voran gegangenen Stunde klammheimlich angeheftet, ohne dass ich was gemerkt hatte. Der Lehrer, Herr Kruschke, hat dem Spuk mit wenigen Worten ein Ende bereitet.
Ich bin hier am Haus des Ehepaars Löwe viele Male vorbei gegangen zum S-Bahnhof. In der Unterführung zum Bahnsteig war eine Plakatwand. Ich erinnere mich an einen Aufruf, der wie damals üblich begann mit „Volksgenossen, Parteigenossen.“ Das Plakat forderte die Parteigenossen und Volksgenossen auf, jeden sofort bei der Polizei anzuzeigen, der eigentlich einen Judenstern tragen musste, es aber nicht tat oder den Stern verbarg.
Am 10. September 1942 fuhr auf dem Gütergleis Grunewald ein Zug ab nach Theresienstadt in Tschechien. Vermutlich am Tag zuvor erhielt Ernst Löwe den Bescheid, er habe sich dort einzufinden. Ernst Löwe hatte, um sein Bündel zu packen, so viel Zeit, dass sogar Nachbarn etwas von dem Marschbefehl erfuhren.
So viel ich weiß, kam keiner, der ihn plötzlich überraschte und einlud in einen LKW. Das war nicht nötig. Ach, Ernst Löwe war ein guter Deutscher, der wie wir alle damals auf Marschbefehle zuverlässig und gehorsam reagierte. Marschbefehle zum Jungvolk, zum Ernteeinsatz, zum Reichsarbeitsdienst, zur Wehrmacht – das halbe deutsche Volk folgte irgendwelchen
Marschbefehlen. Ernst Löwe hatte einen Marschbefehl nach Theresienstadt, weil er von jüdischen Eltern stammte. Seine Frau blieb hier; denn sie stammte von christlichen Eltern.
Ob die beiden je selber etwas dazu getan haben, um Juden oder Christen zu sein, das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass sie, um das Haus behalten zu können, sich zum Schein hatten scheiden lassen. Die Frau, arisch, durfte ein Haus besitzen. Der Mann, jüdisch, war dann bis zum 10. September 1942 ihr Untermieter.
In Theresienstadt erhielt Ernst Löwe nach etwa drei Wochen einen neuen Marschbefehl, nach Treblinka bei Warschau, in den Tod. Für das Vorzeige-KZ Theresienstadt, wo immerhin einige Juden überlebten, war er zu viel, „nicht verwendungsfähig“.
Hätte der alte Mann, 72 Jahre alt, nicht noch untertauchen können, vielleicht in unser großes zehn-Zimmer-Haus Emilienstraße 22, oder irgendwo auf dem Land? Aber wer konnte einem Mann ohne Lebensmittelkarte genug zu essen geben? Und wenn bei uns wieder mal eine Bombe fiel, das Haus geräumt werden musste, wenn ein fremder Luftschutzwart oder die Polizei ins Haus kam, und Ernst Löwe wurde entdeckt?
Ja, viele gingen zur Polizei, um anzuzeigen. Nicht nur ein paar Super-Nazis. Ein großer Teil des Deutschen Volkes war im Gleichschritt hysterisch geworden. Schon ein Lichtspalt abends im Fenster, also mangelhafte Verdunkelung, wurde angezeigt. Wie viele Leute wurden sofort angezeigt, weil sie gesagt hatten, der Führer werde den Krieg wohl nicht gewinnen.
Im Nachbarhaus Emilienstr. 16 wohnte das Ehepaar Heinrich und Wilhelmine Lübke. Wilhelmine Lübke holte am Abend vor dem Abtransport aus ihrem Kühlschrank eine halbe Ente für Herrn Löwe als Proviant. Das war für damalige Verhältnisse ein außerordentliches Essen. Unsere Haushilfe, die davon wusste, hat diese letzte Hilfe für einen Juden, der aus Deutschland „ausgeräuchert“ werden sollte, nicht angezeigt.
Nach dem Krieg habe ich hier Frau Margarete Löwe viele Male gesehen. Dürr und gekrümmt, wie ein Schatten. Sie wohnte hier noch einige Jahre. Aber ich habe sie nicht gefragt: Frau Löwe, wann haben Sie Nachricht über Ihren Mann erhalten? Frau Löwe, kann ich was für Sie tun? Vielleicht hätte ich sie mit meinen Fragen nur verletzt.
Gläubige Juden setzen Grabsteine, die stehen bis zur Ewigkeit. Sogar in Deutschland gibt es noch einige Gräber, die sind jetzt tausend Jahre alt. Wir setzen jetzt endlich für Ernst Löwe seinen Stein.
Ich danke Ihnen, Herr Frank, Lehrer im Oberstufenzentrum für Bautechnik in Spandau. Eigentlich wollten Sie wie sonst schon viele Male mit zwei Auszubildenden kommen. Die stehen diesmal jedoch vor einer Prüfung. So haben Sie heute die Arbeit allein verrichtet. Ich danke Ihnen, Frau Emmerich vom Bezirksamt, dass Sie mir dieses Gedenken vermittelt haben. Ich danke Ihnen allen, dass Sie gekommen sind, um teil- und Anteil zu nehmen.
Emil Cauer ist 1932 geboren und lebte von 1939 bis 1951 im Haus Emilienstraße 22.
Das folgende Foto ist von Wolfgang Krämer, das Foto oben stammt von Thomas Kühn.